Wie Nina ja schon in ihrer Zusammenfassung unseres skurrilen Wochenendes richtig festgestellt hatte, sind wir beide gesund in Ho Chi Minh City angekommen. Gesund, ja, jedoch völlig entnervt von der nicht so wirklich netten Behandlung durch die Offiziellen der Saigoner Flughafen-Immigration.

Ich glaube Nina hatte es nicht erwähnt, aber einer Amerikanerin ist im Wartebereich der Immigration tatsächlich die Hutschnur gerissen; sie beschwerte sich lautstark über die vorherrschenden Verhältnisse und kündigte an, dass sie Vietnam nun wieder verlassen werde. Sie ging dann auch, wohin auch immer. Ich vermute, dass sie nicht all zu weit gekommen sein wird. Vermutlich entstehen genau so Volksaufstände, Revolten und Revolutionen. (So furchbar schlimm war es nun nicht, wir habe insgesamt ca. 1,5 Stunden warten müssen. Halt in etwa solange wie bei einem durchschnittlichen Arztbesuch in Deutschland. Ihr kennt das ja.)

Aber anyway, ich möchte an dieser Stelle hauptsächlich über meine Eindrücke, die ich letzten Montag von Saigons Straßendschungel und dessen Verkehr gewinnen durfte, erzählen. Inklusive Vorgeschichte. Der Straßenverkehr der vietnamesischen Metropole ist vermutlich so einzigartig in der Welt, dass er ob dessen dringend einer Erlebensanalyse bedarf, das finde zumindest ich. Vermutlich gibt es bereits 4.000.000 Schilderungen dieser Art, aber es handelt sich bei diesen schlichtweg nicht um die Schilderung meiner Erlebnisse ;). Dann lege ich einfach mal los…

Es begann in einer schwülen Sommernacht…

Nein, eigentlich begann es mit der Tatsache, dass sich meine in Thailand umständlich erstandene E-Zigarette als nicht mehr so richtig funktionstüchtig gab. Das Schraubgewinde der beiden Hauptkomponenten ist mittlerweile völlig ausgenudelt, sodass ich beim Dampfen dieser E-Zigarette nun immer beide Komponenten festhalten muss, eine mit der rechten, eine mit der linken Hand. Nina sagt, dass ich beim Dampfen dann so aussähe, als spiele ich ein flötenartiges Instrument. Das Foto dokumentiert den beklagenswerten Zustand des Unruhestifters ganz gut, denke ich.

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Selbst der Tank hat einen markanten Sprung im Glas, sehr schade.

Ein neues Gerät musste also her. Nina und ich haben also ein wenig recherchiert und einen äußerst gut bewerteten E-Zigaretten-Shop in Ho Chi Minh City ausfindig machen können. Dieser lag ca. 4 Kilometer von unserer aktuellen Bleibe im Stadtzentrum entfernt.

Als Anmerkung: In Vietnam sind die Dinger nicht sehr weit verbreitet, dafür aber komplett legal. In Thailand hingegen ist Kauf und Verkauf illegal, der pure Konsum aber gestattet. Das habe ich mir von meinem Dealer sagen lassen, den ich im Schweiße meiner detektivischen Anstrengungen habe ausfindig machen können (ein schon lange Zeit in Thailand lebender Australier, der sein Geld vermutlich nicht nur mit E-Zigaretten-Hehlerei verdient. Sondern vermutlich auch illegalerweise psychoaktive Pflanzen verkauft. Zumindest macht er genau den Eindruck). Also eine äußerst eigenartige Rechtslage. Anmerkung Ende.

Da aber Sonntag war und der Onlineshop des Händlers keine Auskünfte über seine Öffnungszeiten gab (in Südostasien ist das Thema Ladenöffnungszeiten sehr locker umrissen, deswegen haben viele Shops, Märkte und Essensstände mitunter auch Sonntags geöffnet), habe ich kurzerhand den Besuch des Shops auf Montag verschoben und Nina und ich sind statt dessen ein wenig in Ho Chi Minh City spazieren gegangen. Und dachten uns: „Mein Gott, was für ein Verkehr! Das ist bestimmt deshalb so krass voll hier, weil Wochenende ist!“. Tatsächlich sollte ich am fraglichen, folgenden Montag eines Besseren belehrt werden.

Ho Chi Minh Citys Straßenverkehrsbild, und der Vietnams im Allgemeinen, zeichnet sich übrigens generell durch einen 90%igen Anteil an Motorrollern aus (ich kenne die genaue Zahl nicht). In Bangkok oder Chiang Mai ist dies hingegen gut gemischt. Hier gibt es vermutlich doch mehr Pickups und SUVs als Roller. Deswegen ist im Gegensatz zu Thailand in Vietnam sehr viel mehr Raum für „Flexibilität“ im Straßenverkehr vorhanden…

Nun gut, der Montagmorgen war gekommen. Ich war mir noch nicht 100%ig im Klaren darüber, ob ich überhaupt den Shop aufsuchen musste, zum einen auf Grund von Faulheit, zum Anderen weil meine aktuelle Hardware zwar nicht mehr in Ordnung, jedoch funktionsfähig war. Ich verschob die Entscheidung auf später, nachdem ich Laufen gewesen sein würde. So trank ich zunächst einen Instant-Kaffee, dampfte ein wenig mein marodes Gerät (klingt merkwürdig, was 😉 ?), legte meine E-Zigarette in den öffentlichen Eingangsbereich unseres Hostels und ging laufen. Als ich aufgrund von Verdauungsproblemen (auch völlig interessant) meinen Lauf vorzeitig abbrechen musste und zurück zum Hostel kam, war die E-Zigarette völlig unerwarteterweise verschwunden, offensichtlich geklaut. Da ich niemanden außer mir Vorwürfe für den Verlust meines Geräts machen konnte, musste ich nun den Shop aufsuchen.

Also bin ich mit Google Maps und 3.000.000 Dong bewaffnet gegen siebzehn Uhr losmarschiert (was zwischen Montagmorgen und 17:00 passiert ist, erzählt Nina später in einem eigenen Blogbeitrag), mitten durch die City Ho Chi Minhs.

Ja… das ist schwer in Worte zu fassen. Wie ich eingangs und auf Facebook ja angedeutet habe, der Verkehr hier ist un-glaub-lich. Ein riesiges Meer an Rollern, alle wie wild am Hupen, in jeweils vier Reihen auf jeweils drei Spuren in eine Richtung, ein Schwall nach dem nächsten, keine Pause, aber Kopfdröhnen aufgrund des Smogs! Dann Geisterfahrer, meistens zwar am Rand, aber, ja, nur meistens. Also null Berechenbarkeit!

Nina und ich haben vor Start meiner Tour von einem Local Folgendes eingebläut bekommen: Pass auf dein Hab und Gut auf, bleib auf der Straße nicht stehen, nimm deine Handy selbst auf dem Bürgersteig nicht unachtsam für ein Foto heraus, sondern bring dich vorher in Sicherheit! Was ich auf Facebook angedeutet hatte war, dass die Rollerfahrer an Ampeln (und in unregelmäßigen Abständen überall) gerne in mehreren Reihen auch über den Bürgersteig brettern. Des Weiteren ist es wichtig, sobald man eine Straße überquert, langsam zu gehen, nicht hektisch oder in Eile. So können die Rollerfahrer besser deinen Weg einschätzen. Wenn dann einer derer an dir vorbei fährt, solltesst du dich darauf einstellen, dass das mir 10 Zentimetern Abstand zwischen dir und dem Gefährt mit Fahrer passiert. Und dabei nicht erschrecken! Sonst erschreckt sich der Rollerfahrer direkt mit und brettert dich womöglich um.

Also, nervenzerfetzend! Auf dem Hinweg zum Shop habe ich ca. alle 10 Minuten erschöpft Pause gemacht. Und gab mich dann der Verzweiflung hin.

Insgesamt hatte meine Route zum Shop fast ausschließlich Hauptstraßen mit ca. 12 richtig großen Kreuzungen sowie einem mächtigen Kreisverkehr für mich vorgesehen. Und jede einzelne dieser zu überqueren ist ein Abenteuer für sich. Das sollte glaube ich reichen, um ein Bild von meiner Gefühlslage zu erahnen.

Schnappschuss vom Verkehr in Saigon. Ich hatte mich vorher in Sicherheit gebracht,

Schnappschuss vom Verkehr in Saigon. Ich hatte mich vorher in Sicherheit gebracht.

Nun gut, nach so viel Verkehr war ich letztendlich tatsächlich lebend am Shop angekommen! Er befand sich in einer mega-ruhigen und gemütlichen Seitengasse. Und er war: geschlossen! Bzw. war er umgezogen, wie man einem Schild der ehemaligen Dampferlokalität entnehmen konnte. Ich hätte fast geheult. Nachdem ich den Tränen nahe ein wenig den Shop mit mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger Abstand ungläubig begutachtet hatte, kam mir ein am Straßenrand sitzender alter Mann zur Hilfe, der mir mit ausgestreckten Mittel- und Zeigefinger am Mund zu verstehen gab, dass er verstanden hatte, wonach ich suchte.

Es stellte sich heraus, dass der neue Shop offensichtlich nicht sehr weit entfernt war. Nachdem der ältere Herr mir vergebens auf Vietnamesisch den Weg erklärt hatte und er lachend zugeben musste, dass er Google Maps nicht verstehe, deutete dieser auf einen Neuankömmling im Geschehen, auf einen gerade mit seinem Roller angekommene Teenie. Dieser konnte dann zum Glück, wie eigentlich aufgrund von Pflichtenglisch in der Schule alle jüngeren Vietnamesen, sehr gut Englisch und erklärte mir den Weg.

Mit nun doch wieder deutlich mehr Hoffnung in der Brust, dass ich meine heiß ersehnte neue E-Zigarette nun doch noch kaufen würde, machte ich mich auf den Weg. Bis nach ca 50 Metern Marsch der Teenie mit seinem Roller hinter mir auftauchte und mir anbot, mich zu dem Shop zu fahren. Da mir nun alles egal war, ich in Chiang Mai bereits meine Erfahrungen mit Rollern gesammelt hatte und ich dem Knaben durch und durch vertraute (er kennt die Welt und den Verkehr hier seit geschätzten 16 Jahren), stieg ich dankbar hinten auf seinen Roller. Das Erleben des restlichen Weges zum Shop war dann eher von traumartiger Natur. Der junge Mann fragte woher ich käme, wich dabei selbstverständlich den restlichen Wahnsinnigen aus, überholte einen Bus und hupte dabei eifrig.

Puh. Den Rest mache ich kurz.

Der Shop war der Hammer! Ich habe alles dort bekommen, was ich ursprünglich haben wollte. Es handelt sich hierbei eher um eine Art Lounge, mit hippem Neon-Licht, trendiger Elektro-Musik und jeder Menge Dampf. Und einer schicken Theke, wo die jungen, netten Angestellten den Teeniemädels akribisch die Gerätschaften erklärten und zum Testen anboten.

Der Shop. Auch nur ein Schnappschuss. Ich wollte von der Belegschaft nicht zu offensichtlich Fotos machen.

Der Shop. Auch nur ein Schnappschuss. Ich wollte von der Belegschaft nicht zu offensichtlich Fotos machen.

Ich habe dann noch einen leckeren vietnamesischen Kaffee umsonst bekommen, zum Einen, weil ich viel bestellt hatte, zum Anderen, wie mein Kundenberater richtig feststellte, weil ich ziemlich müde aussah. Der Kaffee hier ist übrigens super, man merkt den ehemaligen französischen Kolonialeinfluß. Meinen Kaffee habe ich übrigens zweimal umgeworfen. Vermutlich weil sich meine Aufregung von der Wanderung mit der Euphorie über den Besitz meiner neuen Errungenschaft vermischten.

Der Rückweg. Deutlich entspannter als der Hinweg, puh!

Der Rückweg. Deutlich entspannter als der Hinweg, puh!

Der Rückweg war nun deutlich entspannter. Vor allem wegen der deutlich ruhigeren Route. Und weil ich nun endlich meine neue E-Zigarette erstanden hatte. Und ich mit Hilfe dieser endlich meiner Schmacht entgegen wirken konnte. Schmacht? Hatte ich Schmacht…? War ich gar gereizt oder verzweifelt?

Sollte der Verkehr hier womöglich gar nicht so schlimm sein…?

P.S. Der junge Bruder der Hostel-Besitzerin hat mir am nächsten morgen meine alte E-Zigarette wiedergegeben. In einer Tüte mit klebrigen Puderzucker. Ich glaube, er wollte sie in Sicherheit bringen. Oder hat sie geklaut, weil er neugierig war. Das werde ich vermutlich nie erfahren.